
Vorwort von Wim Wenders:
Findlinge
(„Ich sehe was, was Du nicht siehst!“ „Doch, jetzt sehe ich’s auch!“)
Das Finden hat in unserer Wegwerfgesellschaft keinen hohen Stellenwert.
Etwas Gefundenes kann nicht viel wert sein…
Dagegen ist das Er-finden sehr geschätzt und wird blitzschnell mit Kreativität gleichgesetzt. Der „Erfinder“ ist doch der Hans Dampf in allen Gassen schlechthin!
Was bleibt dagegen dem „Finder“ als ein mickriger Finder-Lohn…
Ich konnte mich mit dieser Überschätzung nie abfinden.
Ich finde, (sic), gerade in der Photographie ist das Entdecken von Vorgegebenem, das Aufspüren von unbekannten, aber eben real existierenden Dingen oder von vergessenen oder übersehenen Orten, das Staunen „über alles, was es gibt“, eine viel reichere und bereichernde Aufgabe als das Herstellen von neuen Realitäten, das Zusammenbauen von „neuen Wirklichkeiten“ aus digitalen Elementen, die leicht und schnell aus der Welt entwendet und bis zur Unkenntlichkeit verfremdet werden können.
In der heutigen digitalen Fotografie ist nun aber genau dieser Akt, die Welt neu zu erfinden, gerade am meisten angesehen und en vogue.
„Digitale Bildbearbeitung“ ist sowohl eine schnell wachsende Industrie als ein neuer Volkssport vor dem Computer, oder am Handy, für das es auch schon tausend Apps gibt, um ganz schnell aus schnöder Wirklichkeit die verrücktesten Bildverzerrungen zu zaubern oder zu neuen Inhalte zusammenzubasteln.
Mir ist nicht wohl bei dem Gedanken, daß immer mehr Neues in die Welt gesetzt wird, so daß immer mehr Altes verschwindet oder untergebuttert wird, ohne je eine Chance gehabt haben, gesehen zu werden.
Das ist so wie dieser Wachstumswahn, der unsere Wirtschaft, die Finanzwelt und die Politik umtreibt.
Wolfgang Söder hat dieses Mißverhältnis eindrücklich korrigiert.
Seine gefundenen Photographien, die er auf Flohmärkten oder Gott weiß wo in der Welt über Jahrzehnte aufgetrieben und gesammelt hat, und die er dann bemalt, (ja, per Hand) so daß auf diesen Bildern plötzlich etwas Erschütterndes auftaucht, oder sich etwas herausschält, was man sich in den kühnsten Träumen nicht hätte ausdenken können, die berühren mich tief.
„Das alles gab es mal! All diese Gesichter, all diese Menschen, all diese Dinge, all diese Zimmer, Wiesen und Strände, all diese komischen, furchtbaren, tragischen Situationen, die sind nicht gestellt, nur „herausgestellt“.
Per analoger Bildbearbeitung.
Was mir daran so gefällt, ist das Auge für das Übersehene.
Jeder echte Photograph und jeder echte Maler gründet ja eine eigene Schule des Sehens.
Da kann man sich wenden, an wen man auch will. Kaum begibt man sich in jemandes Bilderuniversum, schon erkennt man die Gesetze darin, die Regeln, den Spaß, die Macken, die Vorlieben, die Eigenarten und dringt in eine einzigartige Ikonographie ein. Hier ist also die Meisterklasse für das Übersehene.
Wenn Sie durch die Bilder blättern, werden Sie bei jedem einzelnen stecken bleiben, weil Sie darin einerseits etwas längst Bekanntes erkennen werden, etwas so Vertrautes, daß es Ihnen nicht aufgefallen wäre, wenn Sie es nicht eben da vor Ihnen abgebildet sähen, aber gleichzeitig, und das ist das Außergewöhnliche daran, gleichzeitig werden sie etwas völlig Neues entdecken, als ob die Menschheit eine unbekannte Gattung wäre, als ob man diesen Planeten und seine merkwürdigen Bewohner gerade erst entdeckt hätte, oder als ob jemand einen Volksstamm gefunden hätte, der noch nie mit der Zivilisation in Kontakt war.
Unfaßbar!