
| 1959 | geboren im fränkischen Bad Bocklet |
| 1974 — 1977 | Ausbildung zum Fotografen bei Gertrud Hentschel, Bad Kissingen |
| 1977 — 1981 | Luftbild-Fotograf, Bundeswehr, Ulm/Donau |
| 1982 | Meisterprüfung, Bundesfachschule, Hamburg |
| 1982 — 1984 | Leitung Schwarz-Weiß Abteilung bei F.C. Gundlach, PPS Hamburg |
| 1984 | Gründung GRAUWERT Fotografische Betriebe GmbH |
| 1984 — Heute | Arbeitet für nationale und internationale Künstler |
| 2014 — 2021 | Lehrbeauftragter für Fotografie Hochschule für Bildende Künste (HfBK) Hamburg |
Ein paar Gedanken zu den Bildern von Wolfgang Soeder
Seit den frühen 1970er-Jahren widmet sich der Hamburger Künstler und Fotograf Wolfgang Soeder, einer faszinierenden Aufgabe: Er durchforstet Bildbestände, die andere längst entsorgt oder als bedeutungslos abgestempelt haben. Wie ein Archäologe, der in verstaubten Schichten der Vergangenheit nach verborgenen Schätzen sucht, stöbert er in Archiven, bei Haushaltsauflösungen und auf Flohmärkten nach anonymen Fotografien. Soeder geht es dabei nicht um bloße Nostalgie – er sucht Bilder mit Potenzial, Fotografien, die auf den ersten Blick unscheinbar wirken, in denen er aber Geschichten und Möglichkeiten erkennt, die nur darauf warten, ans Licht gebracht zu werden.
Seine fundierte Ausbildung legte den Grundstein für seine heutige Arbeit. Von 1974 bis 1977 lernte er bei seiner Meisterin Gertrud Hentschel die Kunst der analogen Fotografie in ihrer ursprünglichsten Form: das Arbeiten mit 13x18cm großen Glasplatten als Negativen. Diese Erfahrung prägte nicht nur sein technisches Verständnis, sondern auch seinen Blick für Details und die Wertschätzung der fotografischen Handwerkskunst. Neben seiner eigenen künstlerischen Arbeit agiert Soeder auch im Hintergrund für namhafte nationale und internationale Fotografen sowie renommierte Archive. Seine Expertise und sein unermüdliches Streben nach Perfektion machen ihn zu einem gefragten Partner in der Welt der Fotografie, wo er als stiller Meister hinter den Kulissen arbeitet und anderen hilft, ihre Bildwelten zu vervollkommnen.
Soeder ist nicht nur Fotograf, sondern auch Maler und ein Mensch mit einer besonderen Verbindung zur Welt. Seine Reisen führten ihn in die entlegensten Winkel – von Indien über China und Japan bis nach Nepal. Diese Erfahrungen fließen subtil in seine Werke ein und verleihen ihnen eine universelle, fast zeitlose Qualität. Sie spiegeln die Vielfalt und die Tiefgründigkeit seiner Sicht auf die Welt wider, die er in seiner Kunst verarbeitet. Was Soeder auszeichnet, ist sein intuitives Gespür: Mit einem Blick erfasst er, dass eine Fotografie mehr erzählt, als sie zunächst preisgibt. Wo andere banale Schnappschüsse oder alte Abzüge sehen, erkennt er narrative Tiefe, verborgene Emotionen oder das Potenzial für eine völlig neue Bedeutungsebene.
Diese Geschichten entlockt er den Bildern durch seine virtuose Bearbeitung. Seine Arbeit ist jedoch nicht immer romantisch oder ungefährlich. Als echter „Archäologe der Fotografie“ schreckt Soeder nicht davor zurück, auch gesundheitsschädliche Herausforderungen anzunehmen. Er arbeitet mit stark beschädigten, oft Jahrzehnte alten Bildträgern, die nicht selten von ihrem allerletzten Verfall gekennzeichnet sind. Diese widrigen Umstände hält er für notwendig, um vergessenen Bildern eine neue Bühne zu bieten. Unermüdlich reinigt, restauriert und bearbeitet er diese Fragmente, bis ihre ursprüngliche Aussagekraft – oder eine völlig neue – zum Vorschein kommt. In seiner Werkstatt verwandelt Soeder diese oft verblassten oder beschädigten Bilder in Kunstwerke, die surreale, intersubjektive Welten eröffnen. Er überarbeitet, collagiert, übermalt oder kombiniert sie mit anderen Medien, bis sie ihre ursprüngliche Form hinter sich lassen und zu etwas Neuem werden. Dabei entstehen Werke, die gleichzeitig fremd und vertraut wirken – wie Erinnerungen an Träume, die wir nie geträumt haben, oder Fragmente eines kollektiven Unterbewusstseins.
Wolfgang Soeder hat ein Credo, das seine Arbeit prägt und seinen Antrieb deutlich macht: „Zur heutigen Fotografie noch etwas zu sagen!“ Dieses Selbstverständnis entspringt nicht nur seiner jahrzehntelangen Erfahrung, sondern auch seiner Überzeugung, dass die Fotografie immer wieder neue Perspektiven und Erzählweisen braucht, um sich weiterzuentwickeln und die Menschen zu berühren. Heute, nach Jahrzehnten intensiver Arbeit und Erfahrung, lebt Soeder dieses Credo in jedem seiner Werke. Seine Arbeiten sind mehr als ästhetische Experimente – sie sind Reflexionen über das Medium selbst. Er versteht Fotografie als einen fortlaufenden Dialog zwischen Vergangenheit und Gegenwart, zwischen Original und Interpretation. Mit jedem Bild, das er neu interpretiert, bringt er nicht nur seine persönliche Perspektive ein, sondern auch eine Botschaft, die uns alle anspricht: Fotografien sind nicht bloß Abbilder, sondern Geschichten, die darauf warten, weiter erzählt zu werden. Soeders Arbeiten fesseln durch ihre Magie: Sie erzählen Geschichten, die nie geschrieben wurden, und lassen uns als Betrachter:innen auf eine Entdeckungsreise gehen.
In seinen Händen werden Bilder zu Zeitmaschinen, die einladen, eigene Deutungen zu finden. Wir werden von ihnen berührt und mit ihnen auf eine intime, fast meditative Weise verbunden. Wolfgang Soeder hat mit seiner Kunst eine Nische entdeckt, die die klassische Fotografie radikal erweitert und aktualisiert. Er ist nicht nur ein Bewahrer, sondern auch Neuschöpfer und Neuinterpret, ein Zauberer und uns zeigt, dass selbst in den unscheinbarsten Dingen ein Funke von Schönheit und Bedeutung schlummert.
Siegfried Sander, Galerie MULTIPLEBOX Hamburg